Projekt: achtsamer Umgang zwischen Pferden und Kindern

Im Oktober stand ein ganz besonderes Projekt an. Meine Freundin und Kollegin Tara Bai Wüste studiert soziale Arbeit und hatte darüber Kontakt mit einer Münsteraner Flüchtlingsunterkunft. Dabei entstand die Idee, ein Projekt mit Pferden für einige dort lebende Kinder anzubieten, allerdings kein kein klassisches Reitprojekt. Stattdessen sollte es darum gehen, den Kindern einen achtsamen Umgang mit Pferden näher zu bringen.

Als mir Tara während eines Hufbearbeitungstermins davon berichtete, war ich von der Idee sofort begeistert. Mir geisterten zu dieser Zeit nämlich bereits ähnliche Ideen im Kopf herum.

Wieso?

Viele Kinder lernen Pferde leider nicht als Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen und Grenzen kennen. Stattdessen werden sie beispielsweise in vielen Reitschulen eher dahingehend „erzogen“, die eigenen Ansprüche um jeden Preis beim Pferd durchzusetzen. Ich kenne sehr viele Menschen, die sich Jahre später von diesen Ansichten distanzieren möchten – und denen das sehr, sehr viel abverlangt, weil die Glaubenssätze tief verankert sind.

Umso wichtiger finde ich es daher, dass Kinder eine alternative Sicht kennenlernen können und feststellen, dass es auch andere Wege gibt, gemeinsam Zeit zu verbringen und Dinge zu lernen.

In Seminaren habe ich schon mehrfach erlebt, dass sie sich oft viel entspannter und selbstverständlicher auf das Konzept von positiver Verstärkung und Belohnung einlassen können. Auch in der praktischen Umsetzung sind sie (ab einem gewissen Alter) meist sehr schnell und koordiniert. Es hat sich außerdem gezeigt, dass Kinder beim Trainieren wertvolle Fähigkeiten schulen können, beispielsweise die Konzentrationsfähigkeit oder die Selbstorganisation. 

Aus diesen Gründen hatte ich schon länger den Wunsch, einmal ein Kinder-Trainingsprojekt auf die Beine zu stellen, aber mir fehlten die Kontakte für eine konkrete Umsetzung.

Mit Tara bekam ich nicht nur diesen Kontakt, sondern auch eine wunderbare Mitstreiterin. Schnell war klar, dass wir dieses Projekt zusammen realisieren wollten. Durch Corona verzögerte sich die Umsetzung leider, aber schließlich hatten wir die Herbstferien als passenden Zeitpunkt ins Auge gefasst. Ich bin sehr froh, dass es tatsächlich auch geklappt hat. 

Im Vorfeld haben wir uns viele Gedanken gemacht, was wir den Kindern gerne grundsätzlich zum Thema Pferd vermitteln wollen, welche Theorie sie zum Trainieren benötigen und welche Trainingsaufgaben sich eignen. Nun waren wir gespannt, wie gut sich diese Pläne in der Umsetzung erweisen würden.

Es geht los ...

Nach einer kurzen (und noch etwas zurückhaltenden) Vorstellungsrunde begannen wir mit einem Gespräch über Pferde. Wir stellen den Kindern ein paar Fragen, zum Beispiel  darüber, was Pferde gerne fressen und wie und wo sie leben.

Gemeinsam besprachen wir, wie man sich einem Pferd annähert, wie man ihm „hallo“ sagt, was Pferde gerne und was weniger mögen und wie man sich in der Nähe von Pferden verhalten sollte.

Wir hatten uns dafür entschieden, nicht die Pferde ein- , sondern die Kinder „auszusperren“.

 Die Pferde konnten auf der Wiese frei herumlaufen, die Kindern mussten zunächst hinter einer Absperrung bleiben. Die Ponys, die dorthin kamen, durften gestreichelt werden. So hatten die Pferde die Wahl, ob sie Kontakt aufnehmen wollten oder nicht und auch die Kinder konnten sich sicher fühlen. 

Außerdem erklärten wir, was uns wichtig ist, wenn wir den Ponys etwas beibringen:

Nämlich, dass sie nicht mitmachen, weil sie Angst haben, Ärger zu bekommen, sondern weil sie sich auf die Belohnung freuen. 

Das verstehen Kinder meistens sehr gut, vor allem, wenn man Parallelen aus ihrem Leben zieht und sie fragt, wann sie eine Aufgabe lieber lösen würde – wenn sie Hausarrest angedroht bekommen oder wenn ein schöner Ausflug als Belohnung winkt. Da herrschte große Einigkeit.

Das praktische Training

Als erster Schritt in das praktische Training machten wir zunächst ein Trainerspiel, bei dem sich die Kinder gegenseitig etwas beibringen sollten. Das lief ein bisschen chaotisch ab und ist in puncto Erklärung und passender Aufgabe sicherlich noch ausbaufähig, um seinen Effekt voll entfalten zu können. Spaß hat es allen trotzdem gemacht und dafür gesorgt, dass die anfängliche Scheu verflog. So vorbereitet ging es dann an das Training mit Pferd. 

 

Als erste Aufgabe hatten wir uns das Targettraining mit einem Nasentarget ausgesucht und in mehrere Etappen unterteilt. Zu Beginn trainierte Tara ihre Stute Shirley selbst und wir erklärten nach und nach, auf welche Dinge es zu achten galt. Wann wird der Target hingehalten? Wann wird geclickt? Wo wird gefüttert?

 Im nächsten Schritt wurden alle mit einem Clicker ausgestattet und sollten im besprochenen Moment clicken. Anfangs waren die Clicks noch sehr unterschiedlich, nach und nach synchronisieren sie sich aber immer mehr.

Als das klappte, übernahm ein Kind das Präsentieren des Targets und eins das Anreichen des Futters, sodass Tara und ich den ganzen Ablauf am Ende nur noch begleiten mussten. Natürlich wurden die Rollen zwischendrin getauscht.

Das Training hat wirklich super funktioniert und allen viel Spaß gemacht. So viel, dass selbst die begleitenden Mutter am Ende mitmachen wollte (und natürlich durfte). Durch die sehr klaren Abläufe war es auch für Shirley stressfrei.

 

 

 

 

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Die zweite Übung, die wir uns überlegt hatten, war das Ballspielen. Auch hier haben wir natürlich eine Aufgabenteilung praktiziert. Das Pony bekam den Ball zugerollt (1.Aufgabe), es wurde für das Zurückrollen geclickt (2. Aufgabe) und gefüttert (3. Aufgabe).  

 

Kuschelzeit

Nicht zu kurz kam auch die freie Kuschelzeit. Auf die hatten sich die Kinder wahrscheinlich am Meisten gefreut. Dafür hatten wir einige Ponys speziell ausgewählt, die frei herumlaufen durften. Wir hatten einen Kontaktbereich abgezäunt, in dem die Ponys gekuschelt werden durften. Alle Kinder mussten im Kontaktbereich bleiben. Die Ponys hatten also die Wahl, ob sie zu den Kindern gehen und gekuschelt werden wollten oder nicht. Kein Pony durfte festgehalten und gegen seinen Wille gestreichelt werden.

Dieses Konzept hat gut funktioniert, es war für beide Parteien sehr klar und wir mussten nicht groß eingreifen. So konnten die Kinder von Anfang an lernen, dass es nicht unser Recht ist mit dem Ponys zu Kuscheln, sondern ein Geschenk und, dass sie ihre eigenen Grenzen haben, die respektiert werden

Fazit:

Es hat uns beiden viel Spaß gemacht, war aber durchaus auch herausfordernd. 
Gerade das Gespür dafür, welche Informationen gerade aufgenommen werden können, ist bei mir für Kinder noch nicht so gut ausgeprägt wie das für meine erwachsenen Schüler*innen. Kein Wunder, damit habe ich ja auch viel mehr Erfahrung. 
 
Was sich mal wieder gezeigt hat: Auch wir Menschen brauchen kleine Trainingsschritte. Das umzusetzen fiel mir bei den Kindern leichter als bei Erwachsenen – vielleicht ist dort mein Anspruch manchmal ein klitzekleines bisschen zu groß *pfeif*.
 
Wir haben auf alle Fälle viele Informationen gewonnen, um die Abläufe noch weiter kindgerecht zu optimieren. Einer Wiederholung beispielsweise in den Osterferien steht damit hoffentlich nichts im Wege.

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